52 Bilder-Geschichten #3: Kommt alles anders

Ich habe den Kerl gerochen, bevor ich ihn sah. Er tauchte plötzlich im Verkaufsraum der Tankstelle auf – ein Hüne in dunkelbrauner Lederjacke. Die blonden Haare hingen ihm in die Augen, sein verfilzter Bart ließ kaum ein Blick auf das darunter liegende, blasse Gesicht zu.
Ich stand hinter dem Aufsteller, welcher das preisgünstige Frühstücksangebot anpries und trank mein Feierabendbier. Jenny hätte den Laden vor mehr als zehn Minuten abschließen müssen. Alles, was ich jedoch von ihr sah, war ein wasserstoffblonder, hochtoupierter Haarschopf, der sich im Takt der Tankstellen-Hitparade bewegte, während sie mit künstlichen Fingernägeln ihr Handy bediente. Ich setzte mir den Kopfhörer auf und ließ das »Flammende Inferno« durch meinen Schädel hämmern.
Der junge Mann an der Tür schien mich nicht zu bemerken, obwohl er seinen Kopf hastig in alle Richtungen drehte. Seine Augen erkundeten suchend den Raum. Langsam ging er der Kasse entgegen. Während er lief, wischte er sich seine Hände an der Jacke ab. Ich grinste, als ich sah, wie sich Jennys Frisur kurz hob und wieder senkte. Nichts würde sich hier jemals ändern, dachte ich.
Der fremde Mann beugte sich über die Theke und riss mit seiner Lederjacke einige Schokoriegel von der Auslage. Jennys Kopf schnellte in die Höhe. Er warf einen eiligen Blick durch den Raum, bückte sich und hockte schließlich neben den Riegeln auf dem Boden. Der Letzte wollte einfach nicht auf dem Stapel liegen bleiben und fiel immer wieder hinunter. Die Haut unter dem blonden Bart leuchtete rot.
Ich sah, wie Jenny die Augen verdrehte. Er wischte sich mit der Rechten die fransigen Haare aus dem Gesicht und steckte sie hinters Ohr. Jenny hob eine Augenbraue und deutete auf die Uhr über dem Zigarettenregal. Er griff in die Jackentasche, blieb aber mit seiner Pranke darin hängen. Fahrig zerrte er einen kleinen blauen Plastikbeutel hervor. Jenny zog die Stirn kraus. In einer Hand den Beutel haltend, kramte er erneut in seiner Jacke, holte ein Feuerzeug heraus und hielt es unter die Tüte.
Plötzlich brach Jenny in schallendes Gelächter aus. Selbst durch mein musikalisches Flammeninferno hindurch hörte ich ihre Stimme. Der Mann deutete mit dem Kopf auf die Kasse und hielt ihr beharrlich die Plastiktüte vor die Nase. Jenny wischte sich die Lachtränen aus den Augen. Ich nahm meinen Kopfhörer von den Ohren.
»Ich habe eine … Granate. Ich will das Geld, sonst geht die Bude hier hoch.«
»Das ist doch ein Witz! Da ist niemals eine Granate drin«, lachte Jenny.
»D…d… das ist kein Witz«, stammelte der Hüne und fuchtelte mit seiner Tüte vor Jennys Gesicht herum.
Sie sah mich aus weit aufgerissenen Augen an. »Los schnapp dir den Kerl!«, keuchte sie. Er ließ abrupt seine Plastiktüte fallen und rannte los. »Ruf die Polizei«, brüllte ich Jenny zu, bevor ich ihm nach draußen folgte. Er war bereits weg.
»Guck mal, er hat uns was da gelassen.« Jenny zeigte, als ich wieder bei ihr war, auf die am Boden liegende Tüte, hob sie auf und sah hinein. »Ihhh … du glaubst nicht, was da drinnen ist.«
»Kann man es essen?«
»Jetzt nicht mehr.«

tomate

(c) Sandra-Maria Erdmann

Die Geschichte steht hier für sich allein, das Bild kommt aber noch bei Sunnys Aktion „Story-Pics 2014“ zum Einsatz. Dort sammele ich 52 Bild-Worte für eine ganz besondere Geschichte, die dann allerdings jemand anderer schreibt.

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