Tschüssikowski – Auf Nimmerwiedersehen und andere Irrtümer

Am 22. Mai 2017 ist es soweit: Die Tschüssikowski-Anthologie des Brighton-Verlags erblickt das Licht der Welt! Dreißig AutorInnen, dreißig Geschichten – eine davon ist von mir :-))) Ihr dürft gespannt sein!

Man kann von so vielem Abschied nehmen…

Tschüssikowski 3D

… von einem lästigen Ehemann, dem stressigen Job, einem alten Koffer, von der Heimat, geliebten Menschen, schlechten Gewohnheiten oder einer Schuld, und natürlich auch vom Leben …
„Tschüss“ heißt es dann, oder ganz locker: „Tschüssikowski.“

Mit dieser Sammlung bieten wir Ihnen brillante Kurzgeschichten und Gedichte zu dem Thema, geschrieben von bekannten Autorinnen und Autoren sowie talentierten Neuentdeckungen.
Kommen Sie mit und nehmen Sie für einen Moment Abschied vom Alltag. Lassen Sie sich einfangen von spannenden Krimis, berührenden Emotionen, tiefgreifenden Innenansichten und originellen Dialogen.

Brigthon Verlag

ISBN: 978-3-95876-385-2
VP: 12,90€
VÖ: 22.05.2017

Türchen 24 vom Adventskalender – Wie aus Jesus der Weihnachtsmann wurde

„Hör mal, du musst eben mit der Zeit gehen. Das Kind in der Krippe lockt schon lange niemanden mehr vom Sofa herunter.“

„Aber muss es denn gleich das andere Extrem sein?“

„Laut unseren vorweihnachtlichen statistischen Erhebungen  üben ältere Herren mit schlohweißem Haar und einem langen Zottelbart die größtmögliche Autorität aus. Die Kinder lieben ihn, das sollten wir uns zunutze machen.“

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„Die Kleidung ist eine Zumutung!“

„Wieso? Das ist der Renner! Denk nur mal an Pommes rot-weiß.“

„Aber es geht um Weihnachten, nicht um Pommes! Da wünsche ich mir schon ein wenig mehr Authentizität.“

„Nun mache nicht so ein Gesicht. Du bekommst ja auch noch Begleitung. Hier!“

„Ein Elch?“

„Rentier. Eine in den Tundren lebenden Hirschart.“

„Moment, ich komme aus dem Land Israel. Wieso ein Rentier? Reichen denn nicht Ochs und Esel, die bei mir im Stall die erste Wache hielten? Und was ist mit den ganzen Schafen?“

„Schafe können nicht fliegen!“

„Ach was? Und wozu muss ein Rentier fliegen?“

„Wegen der Geschenke.“

„Ich verstehe nur Bahnhof. Alter Mann mit Bart, Rentiere, die fliegen, Geschenke … das bin doch nicht mehr ich!“

„Das macht gar nichts, die Menschen werden dich dann erst umso mehr lieben. Das Kind in der Krippe ist passé, es lebe der Mann in Rot. Es wird Fernsehsendungen über dich geben, Schokoladenfiguren, man wird in der Weihnachtszeit Lieder über dich anstimmen und die Experten werden sich darüber streiten, ob es möglich ist, dass ein einzelner Mann mit einem Rentierschlitten in einer Nacht die Geschenke zu den Kindern bringen kann. Es werden sogar Lehrstühle an den Universitäten des Landes ins Leben gerufen, die sich mit der Existenz des Weihnachtsmannes auseinander setzten.  Dass du als Kind auf die Welt gekommen bist, um den Menschen Frieden zu schenken und die Sünde der Welt auf dich zu nehmen, glaubt keiner mehr ernsthaft. Die Menschen brauchen Alternativen – auch wenn sie noch so verrückt sind.“

(c) Sandra-Maria Erdmann, Dezember 2014

52 Bilder-Geschichten #9: Sehnsuchtsblick hinauf

IMG_3424Kalt ist es. Scheißkalt und dunkel. Ich zittere. Warm wird mir leider davon nicht.
Ich wünsche mir, dort oben zu wohnen. Trutzig thronen die weißen Gemäuer auf dem felsigen Untergrund – die beiden Kirchtürme recken selbstherrlich ihre Schieferschindeln in den blauen Himmel. Herausfordernd hüpfen einige Sonnenstrahlen umher, umschmeicheln die stattlichen Mauern der Stadtkirche und kitzeln den Blechhahn auf dem Dach.
Zu mir verirrt sich selten ein Lichtstrahl. Unterhalb des Felsens, zwischen moosbewachsenen Kastanienbaumstämmen herrscht eintönige Tristes. Alles Licht wird von dem dunklen Bruchsteingebäude eingefangen.
»Ja, lache du. Lache nur!«, schreie ich ihm entgegen. Heraus kommt ein klägliches Krächzen. Der Wind trägt es davon.
Das Graubraun des alten Mauerwerks reflektiert meine Stimmung. Erneut wage ich einen Blick hinauf zur stattlichen Schönheit meines Gegenübers. Wie herrlich doch das Leben dort auf der anderen Seite wäre!

(c) Sandra-Maria Erdmann

Dieses Bild gehört zur Blog-Parade Story-Pics 2014 und wird als Wort-Bild in eine humorvolle Krimigeschichte eingeflochten.

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Mir fällt es immer noch schwer Geschichten aus der Perspektives eines „Dinges“ zu erzählen. Im letzten Jahr haben die „Waldstadtstifte – Autorenkreis aus Iserlohn“ jeweils eine Geschichte aus der Sicht eines Knopfes geschrieben. Da ich mit dieser Art von Schreibthema besonder Schwierigkeiten habe, werde ich mich in den nächsten Bildergeschichten mal etwas näher mit den verschiedenen Erzählperspektiven befassen.

52 Bilder-Geschichten #8: Der schwarze Hund

schwarzer Hund

Es gibt Momente, da möchte ich …

… hüpfen und springen

… mich im Schrank verstecken

… alle Wände lila streichen

… dass ein Klavier auf mich fällt

… den Garten umgraben

… mich unter der Bettdecke verkriechen

… nach Südamerika auswandern

… heulen

… zwei Kaninchen und eine Katze

… etwas kaputt schlagen

… an einer Großdemonstration teilnehmen

… meine Ruhe

… einen Berg besteigen

Danach nehme ich den „schwarzen Hund“ wieder an die Leine und bin wieder ICH.

 

(c) Sandra-Maria Erdmann

 

52 Bilder-Geschichten #7: Gespräch unter Männnern

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»Haste ihr die Kohle gegeben?«, fragte Timo. Ich schüttelte den Kopf, starrte auf die spärlich beleuchtete Straße und nahm einen tiefen Zug. Ich spürte, wie er mich entgeistert anstarrte.
»Sie sagt, das ist wie Auftragsmord.« Der Rauch füllte meine Lungen. Ich reichte Timo den Joint und pustete den süßlich duftenden Qualm in den kalten Februarhimmel.
»Alter, da haste jetzt aber ein Problem.«
»Wieso ich?«
»Warst doch dran beteiligt.«
»Ich habe damit nichts mehr zutun. Hab ihr ja meine Hilfe angeboten, hat se abgelehnt. Darum bin ich raus aus der Nummer, verstehste!«
»Jo, verstehe.« Timo spuckte geräuschvoll den hochgezogenen Rotz vor meine Füße. Er schüttelte den Kopf: »Scheiße, Alter, da haste jetzt echt’n Problem.«

 

(c) Sandra-Maria Erdmann

Das Bild gehört zur Blogparade Story-Pics 2014 von Always Sunny: Schaut mal HIER in meiner Kinderküche vorbei und seht, welche Worte bereits in meinen humorvollen Krimi dabei sind.

52 Bilder-Geschichten #6: Narben

Bernd und Sabine, für immer vereint – das stand nicht unter der Schnitzarbeit, aber in seinem Herzen trug er den Untertitel stets mit sich herum. Seit mehr als zwanzig Jahren. Jeden sechsten Februar ging er diesen – seinen und ihren – Baum besuchen. Er legte eine einzelne rote Rose an den Fuß des Stammes, setzte sich daneben und starrte in den wolkenverhangenen Himmel.

Ohne Titel-1Sabine war längst verschwunden – hatte es nicht ausgehalten in diesem Hundert-Seelen-Kaff. Es sei nicht seine Schuld, hatte sie gesagt. Ihr würde hier die Luft zum Atmen fehlen – das Leben, die Liebe, all diese Dinge hätte sie sich anders vorgestellt.  Dann hatte sie ihren Verlobungs-Ring abgestreift, ihren braunen Koffer genommen und war ins Taxi gestiegen. Bernd schluckte.

Der Schmerz veränderte sich mit den Jahren – so wie der Baum sich verändert hatte. Zurück blieb eine Narbe im Herzen – tief und wulstig.

(c) Sandra-Maria Erdmann

Das Bild gehört zur Blogparade Story-Pics 2014 von Always Sunny: Schaut mal HIER in meiner Kinderküche vorbei und seht, welche Wörter für meinen humorvollen Krimi dabei sind.

52 Bilder #5: Entzug

nummer5Ich sehe sie überall: auf den Straßen, in der Fußgängerzone, verbotenerweise auf dem Bahnsteig, während ich auf meinen Zug warte und sogar hier im Wald. Sie verhöhnen mich.

Ein plötzlicher Schwindel übermannt meinen Kopf – ich muss mich abstützen. Alles dreht sich – die Welt dreht sich um mich, ich drehe mich, in mir dreht sich alles um diese verdammten kleinen Dinger, die mir Linderung verschaffen könnten.

Ich presse meinen Kopf gegen die Rinde eines Baumes – die harte Schale des Waldbewohners lindert meinen inneren Schmerz. Es zerreißt mich, aber ich kämpfe.

Der vertraute Geruch wabert langsam durch die frühlingsfrische Februarluft in meine Nase. Ein explodierendes Feuerwerk der Gefühle weckt meine Lebensgeister. Die Augen geschlossen haltend, taste ich mich, wie ein Hund auf Fährtensuche, mit meiner Nase dem Duft entgegen. Ich spüre die Auf- und Abbewegung meiner Nasenflügel, wie sie sich riechend den Weg bahnen.

Der Geruch ist ganz nah – ich öffne die Augen. Eine junge Frau mit einem Hund an der Leine steht mit fragendem Blick vor mir. Mein Mund ist wie ausgedorrt – die Frage bleibt mir im Hals stecken. Sie schüttelt den Kopf und geht weiter. Ihr Kippe wirft sie achtlos auf den Waldboden. Sie qualmt noch.

(c) Sandra-Maria Erdmann

Das Bild gehört auch in dieser Woche zur Aktion „Story-Pics 2014“ von Always-Sunny und ist mein fünftes Wort-Bild für die humorvolle Kriminalgeschichte.

52 Bilder-Geschichten #3: Nächstenliebe

Die Buslinie sechzehn brachte sie zur Endhaltestelle.
»Sie müssen jetzt aussteigen«, sagte der Herr hinter dem Lenkrad. »Ich mache dreißig Minuten Pause.« Hilde sah aus dem Fenster. Sie konnte sich nicht erinnern, hier jemals ausgestiegen zu sein.163
»Ich wollte zum Friedhof«, hörte sie ihre eigene Stimme, die ihr fremd in den Ohren klang.
»Ja. Wenn Sie gleich links den Weg entlang laufen, steuern Sie direkt drauf zu.« Der Herr wirkte ungehalten. Hilde erhob sich schwerfällig von ihrem Sitzplatz.
»Wann fahren Sie in die Stadt zurück?«
»Halbe Stunde.« Der Mann öffnete die Türen des Busses und kalte Januarluft strömte ins Innere. Hilde hielt den Mantelkragen vor ihrer Brust zusammen und stützte sich auf ihren Stock. Wackelig stieg sie aus dem Bus. Der Ort erschien ihr fremd. Hier konnte unmöglich der Friedhof sein. Zischend schloss sich die Fahrertür. Der eisige Wind blies ihr ins Gesicht. Nachdem sie einige Schritte gegangen war, hatte sie einen herrlichen Blick über die Stadt. Die kleinen Häuser lagen verschlafen am Hang, die Müllverbrennungsanlage leuchtete mit ihren bunten Schornsteinen aus der Ferne und die sanften Hügel des Sauerlandes erweckten einen seltsam beruhigenden Anblick.
Sie schlug den beschriebenen Weg ein. Die Straße verjüngte sich, je weiter sie ging. Der Asphalt wirkte brüchig und das weiß-rote Straßenschild verwirrte Hilde. Der Weg zum Friedhof sah in ihrer Erinnerung anders aus. Sie betrachtete die hohen Bäume am Straßenrand, den laubbedeckten Waldboden. Nirgendwo das Eingangsschild. Sie blickte zurück. Wo war sie bloß?
Am Waldrand entdeckte sie in kleines Haus, versteckt hinter Tannengrün und verwilderten Brombeerbüschen. Sie steuerte langsam darauf zu. Eine Frau – mit gelben Gummihandschuhen und einer Gartenschere bewaffnet – stand mitten im Gestrüpp. Als sie Hilde erblickte, lächelte sie.
»Guten Tag«, sagte die Frau.
»Hier geht es nicht zum Friedhof«, bemerkte Hilde. Die Frau schüttelte den Kopf. »Nein. Da sind sie falsch abgebogen.«
»Ich … aber … der Weg zurück …« Sie sah verunsichert umher. Die Frau zog ihre Gummihandschuhe aus und steckte die Gartenschere in ihren Parka.
»Soll ich ihnen helfen? Wollen Sie zum Friedhof?«
»Ich weiß es nicht. Ich muss zur Bushaltestelle. Der Bus fährt ja gleich wieder.«
»Kommen Sie, ich bringe Sie eben dorthin.« Die Frau lief um die Brombeerbüsche herum zu einem klapprigen Kleinwagen.
»Wie heißen Sie?«, fragte sie Hilde beim einsteigen.
Hilde überlegte. Die Frau zog ihre Stirn in Falten. »Soll ich Sie vielleicht lieber nach Hause bringen? Der Bus ist bestimmt schon abgefahren. Wohin müssen sie?« Die alte Dame blickte sie aus tiefen Augen an.
»Ich weiß es nicht mehr.«

52 Bilder-Geschichten #3: Kommt alles anders

Ich habe den Kerl gerochen, bevor ich ihn sah. Er tauchte plötzlich im Verkaufsraum der Tankstelle auf – ein Hüne in dunkelbrauner Lederjacke. Die blonden Haare hingen ihm in die Augen, sein verfilzter Bart ließ kaum ein Blick auf das darunter liegende, blasse Gesicht zu.
Ich stand hinter dem Aufsteller, welcher das preisgünstige Frühstücksangebot anpries und trank mein Feierabendbier. Jenny hätte den Laden vor mehr als zehn Minuten abschließen müssen. Alles, was ich jedoch von ihr sah, war ein wasserstoffblonder, hochtoupierter Haarschopf, der sich im Takt der Tankstellen-Hitparade bewegte, während sie mit künstlichen Fingernägeln ihr Handy bediente. Ich setzte mir den Kopfhörer auf und ließ das »Flammende Inferno« durch meinen Schädel hämmern.
Der junge Mann an der Tür schien mich nicht zu bemerken, obwohl er seinen Kopf hastig in alle Richtungen drehte. Seine Augen erkundeten suchend den Raum. Langsam ging er der Kasse entgegen. Während er lief, wischte er sich seine Hände an der Jacke ab. Ich grinste, als ich sah, wie sich Jennys Frisur kurz hob und wieder senkte. Nichts würde sich hier jemals ändern, dachte ich.
Der fremde Mann beugte sich über die Theke und riss mit seiner Lederjacke einige Schokoriegel von der Auslage. Jennys Kopf schnellte in die Höhe. Er warf einen eiligen Blick durch den Raum, bückte sich und hockte schließlich neben den Riegeln auf dem Boden. Der Letzte wollte einfach nicht auf dem Stapel liegen bleiben und fiel immer wieder hinunter. Die Haut unter dem blonden Bart leuchtete rot.
Ich sah, wie Jenny die Augen verdrehte. Er wischte sich mit der Rechten die fransigen Haare aus dem Gesicht und steckte sie hinters Ohr. Jenny hob eine Augenbraue und deutete auf die Uhr über dem Zigarettenregal. Er griff in die Jackentasche, blieb aber mit seiner Pranke darin hängen. Fahrig zerrte er einen kleinen blauen Plastikbeutel hervor. Jenny zog die Stirn kraus. In einer Hand den Beutel haltend, kramte er erneut in seiner Jacke, holte ein Feuerzeug heraus und hielt es unter die Tüte.
Plötzlich brach Jenny in schallendes Gelächter aus. Selbst durch mein musikalisches Flammeninferno hindurch hörte ich ihre Stimme. Der Mann deutete mit dem Kopf auf die Kasse und hielt ihr beharrlich die Plastiktüte vor die Nase. Jenny wischte sich die Lachtränen aus den Augen. Ich nahm meinen Kopfhörer von den Ohren.
»Ich habe eine … Granate. Ich will das Geld, sonst geht die Bude hier hoch.«
»Das ist doch ein Witz! Da ist niemals eine Granate drin«, lachte Jenny.
»D…d… das ist kein Witz«, stammelte der Hüne und fuchtelte mit seiner Tüte vor Jennys Gesicht herum.
Sie sah mich aus weit aufgerissenen Augen an. »Los schnapp dir den Kerl!«, keuchte sie. Er ließ abrupt seine Plastiktüte fallen und rannte los. »Ruf die Polizei«, brüllte ich Jenny zu, bevor ich ihm nach draußen folgte. Er war bereits weg.
»Guck mal, er hat uns was da gelassen.« Jenny zeigte, als ich wieder bei ihr war, auf die am Boden liegende Tüte, hob sie auf und sah hinein. »Ihhh … du glaubst nicht, was da drinnen ist.«
»Kann man es essen?«
»Jetzt nicht mehr.«

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(c) Sandra-Maria Erdmann

Die Geschichte steht hier für sich allein, das Bild kommt aber noch bei Sunnys Aktion „Story-Pics 2014“ zum Einsatz. Dort sammele ich 52 Bild-Worte für eine ganz besondere Geschichte, die dann allerdings jemand anderer schreibt.

52 Bilder-Geschichten #1: Lydia

»Können Sie beschreiben, was Ihre Zwillingsschwester am Tag ihres Verschwindens getragen hat?« Der Polizeibeamte holte ein schwarzes Notizbuch aus der Innentasche seines Mantels.
»Hier.« Ich zeigte ihm das Foto von Lydia und mir, das Hannes von uns am Silvesterabend gemacht hatte. Er runzelte die Stirn. Weiterlesen