52 Bilder-Geschichten #9: Sehnsuchtsblick hinauf

IMG_3424Kalt ist es. Scheißkalt und dunkel. Ich zittere. Warm wird mir leider davon nicht.
Ich wünsche mir, dort oben zu wohnen. Trutzig thronen die weißen Gemäuer auf dem felsigen Untergrund – die beiden Kirchtürme recken selbstherrlich ihre Schieferschindeln in den blauen Himmel. Herausfordernd hüpfen einige Sonnenstrahlen umher, umschmeicheln die stattlichen Mauern der Stadtkirche und kitzeln den Blechhahn auf dem Dach.
Zu mir verirrt sich selten ein Lichtstrahl. Unterhalb des Felsens, zwischen moosbewachsenen Kastanienbaumstämmen herrscht eintönige Tristes. Alles Licht wird von dem dunklen Bruchsteingebäude eingefangen.
»Ja, lache du. Lache nur!«, schreie ich ihm entgegen. Heraus kommt ein klägliches Krächzen. Der Wind trägt es davon.
Das Graubraun des alten Mauerwerks reflektiert meine Stimmung. Erneut wage ich einen Blick hinauf zur stattlichen Schönheit meines Gegenübers. Wie herrlich doch das Leben dort auf der anderen Seite wäre!

(c) Sandra-Maria Erdmann

Dieses Bild gehört zur Blog-Parade Story-Pics 2014 und wird als Wort-Bild in eine humorvolle Krimigeschichte eingeflochten.

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Mir fällt es immer noch schwer Geschichten aus der Perspektives eines „Dinges“ zu erzählen. Im letzten Jahr haben die „Waldstadtstifte – Autorenkreis aus Iserlohn“ jeweils eine Geschichte aus der Sicht eines Knopfes geschrieben. Da ich mit dieser Art von Schreibthema besonder Schwierigkeiten habe, werde ich mich in den nächsten Bildergeschichten mal etwas näher mit den verschiedenen Erzählperspektiven befassen.

52 Bilder #5: Entzug

nummer5Ich sehe sie überall: auf den Straßen, in der Fußgängerzone, verbotenerweise auf dem Bahnsteig, während ich auf meinen Zug warte und sogar hier im Wald. Sie verhöhnen mich.

Ein plötzlicher Schwindel übermannt meinen Kopf – ich muss mich abstützen. Alles dreht sich – die Welt dreht sich um mich, ich drehe mich, in mir dreht sich alles um diese verdammten kleinen Dinger, die mir Linderung verschaffen könnten.

Ich presse meinen Kopf gegen die Rinde eines Baumes – die harte Schale des Waldbewohners lindert meinen inneren Schmerz. Es zerreißt mich, aber ich kämpfe.

Der vertraute Geruch wabert langsam durch die frühlingsfrische Februarluft in meine Nase. Ein explodierendes Feuerwerk der Gefühle weckt meine Lebensgeister. Die Augen geschlossen haltend, taste ich mich, wie ein Hund auf Fährtensuche, mit meiner Nase dem Duft entgegen. Ich spüre die Auf- und Abbewegung meiner Nasenflügel, wie sie sich riechend den Weg bahnen.

Der Geruch ist ganz nah – ich öffne die Augen. Eine junge Frau mit einem Hund an der Leine steht mit fragendem Blick vor mir. Mein Mund ist wie ausgedorrt – die Frage bleibt mir im Hals stecken. Sie schüttelt den Kopf und geht weiter. Ihr Kippe wirft sie achtlos auf den Waldboden. Sie qualmt noch.

(c) Sandra-Maria Erdmann

Das Bild gehört auch in dieser Woche zur Aktion „Story-Pics 2014“ von Always-Sunny und ist mein fünftes Wort-Bild für die humorvolle Kriminalgeschichte.